„Je mehr Kontrolle, desto mehr Sicherheit“

Strenge Personenkontrollen und Alkoholverbot sind in spanischen Fußballstadien ganz normal. Die Liga wird immer gewaltfreier. Fraubarcelona begleitet die Security des FC Girona im sichersten Stadion der spanischen Liga.

9.300 Besucher passen ins Stadion Montilivi des FC Girona.

9.300 Besucher passen ins Stadion Montilivi des FC Girona.

Zick-zack. Ferran Pegenaute scannt den Vorplatz des Stadions. Links kommt der Bus der Gastmannschaft an. Rechts kaufen Fans ihre Tickets. Zick – die grauen Augen wandern zum Getränkestand. Zack – zurück zum Eingangsbereich. Wie ein Jäger beobachtet er das Geschehen von der anderen Straßenseite aus. Seine Waffe, das Mikrofon eines Headsets, am Anschlag. Bereit, Befehle zu geben. Ungefähr 500 Personen, Stimmengewirr, Kinder laufen umher. Noch darf keiner ins Stadion. Die Falten auf seiner Stirn entspannen sich. „Team zwei bereit, Chef“, tönt es aus dem Headset. „Könnte ausverkauft werden, Chef.“ „Am Nordeingang alles friedlich, Chef.“ Sie warten auf sein Kommando. Ein Blick zur Armbanduhr. Punkt vier. Sicherheits-Koordinator Ferran atmet tief durch. „Öffnet die Tore!“

Bei der Besprechung ist es noch ruhig im Stadion Montilivi.

Bei der Besprechung ist es noch ruhig im Stadion Montilivi.

So früh und so zahlreich wie heute kommen die Zuschauer selten zum Stadion Montilivi. Der Fußballclub Girona kämpft um den Aufstieg in die erste spanische Liga, heute gegen den direkten Verfolger FC Córdoba. Schon beim zentralen Treffen der Sicherheitskräfte eine halbe Stunde vor Einlass warnt Ferran Pegenaute deshalb seine Leute: „Mehr als 9.000 lassen wir nicht rein. Ich will alle fünf Minuten Rückmeldung, wie viele Besucher schon im Stadion sind. Die letzten 300 Plätze bleiben für Dauerkarten reserviert.“ Seine Firma „Phoenix“ wird vom FC Girona dafür bezahlt, im Stadion für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Ferran, 52, ist „coordinador de seguridad“, die zentrale verantwortliche Person, die es in jedem Spiel der ersten und zweiten Liga geben muss. So schreibt es der spanische Fußballbund vor.

Schwarze Stiefel und Einsatzjacken, Lederhandschuhe, Walkie Talkies. 37 Securities, darunter sieben Frauen, kontrollieren nun an den Eingängen die Fans. Gut die Hälfte ist mit Schlagstock und Handschellen ausgestattet, die anderen mit gelber Warnweste. Dazu 14 Polizisten der „Mossos“, der katalanischen Polizei. Ferran trägt keine Uniform, nur sein Headset. Ein Ordner ruft ihn zum Eingang „Puerta uno“. Hier will ein Fan eine „Waffe“ mit ins Stadion nehmen. Es handelt sich um eine Kuhglocke, deren Klöppel ein gefährliches Wurfgeschoss wäre. Ferran schüttelt seinen grauen Lockenkopf, lacht und klopft dem Fan auf die Schulter. „Du kannst sie dir nach dem Spiel wieder abholen.“ Er kennt den jungen Mann. „Der wollte damit bestimmt nichts Böses.“

Aber die Security hält sich streng ans Gesetz. Keine Glasflaschen und harten Gegenstände, die Schaden anrichten könnten. Seit 2007 gilt in Spanien das „Gesetz gegen Gewalt bei Sportveranstaltungen“. Es verbietet außerdem Alkohol, Bengalos und diskriminierende Plakate oder Gesänge im Stadion. Gleichzeitig legitimiert es Personenkontrollen, Fanregister und Videoüberwachung. Verantwortlich für die Umsetzung sind die Vereine und damit beim FC Girona die Sicherheitsfirma von Ferran.

Das Stadion Montilivi zählt die wenigsten Anzeigen wegen Gewalt in der gesamten Liga. „Wir haben uns den Ruf des sichersten Stadions hart erkämpft“, sagt Ferran. „Als ich vor fünf Jahren hier angefangen habe, war es noch nicht so friedlich.“ Damals haben sich auch im Montilivi Hooligans geprügelt. Katalanische Separatisten gegen spanische Nationalisten. Sie zündeten Bengalos und beschimpften sich in Parolen quer über den Platz. Zusammen mit den Mossos griff Phoenix durch. Drei Jahre lang. „Beim kleinsten Vergehen haben wir saftige Strafen verhängt. Bis zu 3.000 Euro. Heute traut sich keiner von denen mehr in unser Stadion.“ Die Fälle von Gewalt im Fußball sind spanienweit seit 2007 zurückgegangen. Hier in Katalonien wird im Durchschnitt bei jedem vierten Spiel eine Anzeige wegen Gewalteinwirkung aufgegeben. Der FC Girona hatte diese und letzte Saison gar keine.

Heute sind fast die Hälfte der Besucher im Montilivi Familien mit Kindern. Sie schwenken Fähnchen und tanzen. Aus den Lautsprechern dröhnt das Lied „We no speak americano“. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Ferran begibt sich auf seinen Stadionrundgang. Im Uhrzeigersinn vorbei an der Nordkurve zu den Fans der Gastmannschaft. Sie sitzen im sogenannten „Käfig“, einem mit Metallgittern rundherum abgegrenzten Bereich und separatem Stadioneingang. 301 Plätze gibt es hier, gerade einmal ein Drittel ist belegt. Das Stadion ist doch nicht ausverkauft. „Kümmer dich mal um das Banner da unten!“ „Klar, Chef.“ Der Ordner läuft im Käfig nach unten zum Spielfeldrand. Er zieht die grüne Fahne des FC Córdoba einen halben Meter nach links, damit sie das Werbebanner darunter nicht mehr verdeckt. Ein kurzes Nicken von Ferran und der Fall ist erledigt.

Sicherheitskoordinator Ferran Pegenaute

Sicherheitskoordinator Ferran Pegenaute

17 Uhr. Anpfiff. 5.427 Fans. Ferran sitzt zusammen mit dem Einsatzleiter der Polizei auf einer kleinen weißen Bank neben den Auswechselspielern des FC Girona. Zick-zack. Sie scannen das Publikum. Auf der Suche nach Beute, nach einem Verstoß gegen die Regeln der Sicherheit. Ein paar Minuten, dann lehnen sie sich zurück. Reden über den Job bei einem Konzert nächste Woche, über ihre Kinder und kommentieren das Fußballspiel. Die Spieler sind gewalttätiger als die Fans – dreimal muss der Notarzt aufs Feld. „Aber so ist es mir lieber, als umgekehrt. Hauptsache, die Leute können das Spiel ohne Zwischenfälle genießen.“ Ab nächster Saison wird Ferrans Jägerstand eine besondere Kabine zur Überwachung sein, eine „Unidad de Control Operativo (UCO)“. Von dort aus kann er dann zentral die Videokameras steuern, Fans heranzoomen und Stadiondurchsagen machen. Egal wie klein der Club ist, der spanische Fußballbund will einen UCO pro Stadion der Liga. Ferran freut sich darauf. „Je mehr Kontrolle, desto mehr Sicherheit.“